WHAT’S ON YOUR WALL?

#4 Claus Leggewie

 

Eine Kooperation mit der Gießener Allgemeinen Zeitung

A cooperation with the Gießener Allgemeinen Zeitung

Herr Leggewie, was hängt an Ihrer Wand?

 

An einer Wand hängen drei Originalzeichnungen des hierzulande kaum bekannten Lebbeus Woods. Er war ein herausragender US-amerikanischer Architekt, der an verschiedenen internationalen Hochschulen lehrte und eine große Zahl von Zeichnungen angefertigt hat, aber nur sehr selten etwas gebaut, dafür aber in spannenden Ausstellungen seine Entwürfe gezeigt hat, wie eben die Zeichnungen einer Häuserzeile im zerstörten Sarajewo, das an unserer Wand hängt. Es ging ihm nicht um schöne Häuser oder grüne Stadtviertel, für ihn hatten Kriege und Katastrophen eine Architektur („Warchitecture“) vorgezeichnet, die man nicht heilen, korrigieren, überbauen, sondern unterstreichen und zum Ausgangspunkt der weiteren Gestaltung machen sollte. Das galt unter anderem für die von serbischen Granaten zerstörte Stadt Sarajewo, den im Kalten Krieg leer geräumten Potsdamer Platz in Berlin, die bei einem Erdbeben eingestürzten Gebäude und Brücken in San Francisco, oder auch die Altstadt von La Havanna. „Radical Reconstruction“ nannten er und seine MitstreiterInnen diesen Ansatz.

 

Was verbinden Sie mit diesen Zeichnungen?

 

Zu Sarajewo habe ich eine besondere Beziehung, da ich mich dort am Ende der Belagerung in einer humanitären Mission aufgehalten und mit Gießener Studierenden die Aktion „Brücken nach Sarajewo“ veranstaltet habe. Woods Arbeiten erinnern mich aber auch an unsere Abende mit ihm und seiner Frau, an die gemeinsamen Bar- und Restaurantbesuche im New York der späten 90er Jahre, die mit dem korpulenten Mann aus dem Mittleren Westen etwas Uramerikanisches bekamen. Vor allem sehe ich ihn noch in seine Notizbücher skribbeln, scheinbar gedankenverloren, doch wach für die Umgebung. Woods stand für eine in Gesellschaft und Geschichte verankerte, politische und partizipative Architektur. Woods starb vor genau in jener Oktobernacht, als Hurrikan »Sandy« den Süden Manhattans unter Wasser setzte, das größte Sturmgebiet, das bis dahin jemals über dem Atlantik beobachtet worden war. Zu diesem Vor-Zeichen der drohenden Klimakatastrophe kommt mir der Refrain eines Kinks-Songs in den Sinn: »This thing is bigger than the both of us. / It’s gonna put us in our place. / We’re gonna see what really matters, / When you see that storm stare us in the face.« (Ray Davies, »Lost and Found«, 1986)

 

Was hängt noch an Ihrer Wand?

 

In meinem Arbeitszimmer hängen Fotografien von Horst Schäfer und ein Gemälde von Gerhard Fietz aus der Gruppe ZEN 49. Herausstellen möchte ich aber eine kleine Preziose an meiner Pinnwand. Dort hängt seit Jahren ein kleiner Zettel, vier mal vier Zentimeter, grob ausgerissen aus einem Schreibheft, darauf drei Worte untereinander gekritzelt: Görz – Gorizia – Gorica. Den Fetzen halte ich in Ehren wie eine Reliquie, im Andenken an einen Intellektuellen, der mir in den frühen 1970er Jahren den Weg gewiesen hat und bis heute viel bedeutet: André Gorz. Geboren 1923 als Gerhart Hirsch, im antisemitischen Wien unbenannt in Horst, nach dem Krieg in Frankreich umgewandelt in das phonetisch nahe Gorz und übersetzt in Michel Bosquet, für seine Freunde nur Gérard. Namen sind nicht Schall und Rauch, bei diesem Mann markieren sie eine Lebensgeschichte, die Auffächerung einer Person in berufliche und private Existenzen, die Suche nach Ich-Identität in den Anderen. Der dreifache Namenswechsel von Horst zu Gorz folgte einer Stadt im vielsprachigen Dreiländereck Slowenien, Italien und Österreich: Görz / Gorizia / Gorica. Gorz hatte sie auf dem Fernrohr seines Vaters gefunden und und mir daran seine Existenzform bei einem Besuch auf einem kleinen Zettel illustriert.

 

Was verbinden Sie mit diesem Zettel?

 

Das Exil. Die Namenswechsel dokumentieren eine dramatische Lebensgeschichte. Die Emigration des jungen Wiener „Halbjuden“ in die Schweiz rettete ihm das Leben, die Hinwendung zur französischen Kultur richtete seinen geistigen Kompass aus. In Paris machte Michel Bosquet eine beachtliche Karriere als politischer Journalist, zuletzt beimNouvel Observateur, dem Leitmedium der unorthodoxen französischen Linken. Neben der journalistischen Brotarbeit des Michel Bosquet profilierte sich André Gorz als unorthodoxer Sozialphilosoph. Ohne akademischen Hintergrund, mit scharfem Blick auf die Lage der Arbeiterklasse, analysierte er die Zwänge der Konsumgesellschaft und vor allem die ökologischen Probleme eines angeblich unbegrenzbaren Wirtschaftswachstums. Gorz vernetzte sich mit kritischen Wissenschaftlern, Gewerkschaftern und Aktivisten der neuen sozialen Bewegungen in Frankreich, Italien, Deutschland und Lateinamerika. Er suchte nach Wegen zum Umbau eines industriegesellschaftlichen Modells, das seine Ressourcen verzehrt und durch Automatisierung immer mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit entlässt. Gorz’ Arbeiten entstanden abseits der Zirkel der schicken Pariser Intelligentsia. 1983 zog er mit seiner schottischen Lebensgefährtin Dorine in das 250-Seelen-Dorf Vosnon am Rande der Champagne. Für seine Frau, der er in den „Briefen an D.“ ein Denkmal gesetzt hat, sorgte er bis zum gemeinsamen Freitod 2007, das Landhaus in der »Rue de la Mairie« vermachte das kinderlose Paar der Solidaritätsorganisation »La Cimade«, eine Reverenz an die schwierigen Lebensumstände der beiden Migranten am Beginn ihrer Liebe. Das Haus ist mittlerweile verkauft. Mit dem Erlös finanziert »La Cimade«, der Dorine und Gérard schon zu Lebzeiten reichlich Spenden zukommen ließen, ihr Engagement für Geflüchtete, Migranten und Asylsuchende. Im Dorf erinnert am Spielplatz eine Tafel an die beiden, die den Kindern von Vosnon Rutsche, Schaukel und Bänke schenkten. In Paris ist eine Uferpromenade der Seine nach ihm benannt. Seine Themen – die politische Ökologie, das garantierte Grundeinkommen, der digitale Wissenskommunismus – sind aktueller denn je. Der Zettel an meiner Pinnwand erinnert mich daran, dass man auch in schwierigen Zeiten nicht aufgeben darf.

 

Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und leitet mit einem jungen Team das Panel on Planetary Thinking.

Herr Leggewie, what’s hanging on your wall?

 

Hanging on one wall are three original drawings by Lebbeus Woods, who is not so well known here. An exceptional architect from the USA, he taught at various international universities, and produced a large amount of drawings, and although he rarely built anything, he presented his drafts in many fascinating exhibition, such as the drawings of rows of houses in ruined Sarajevo that hang on our wall. He wasn’t about pretty houses or green neighbourhoods in cities, for him, war and catastrophe had sketched out a certain architecture that couldn’t be healed, corrected or built over, but highlighted, and that should be utilised as a point of departure for future designs. This was the case for the Serbian city of Sarajevo that was destroyed by grenades, for Potsdamer Platz in Berlin that was cleared out during the cold war, the buildings and bridges of San Francisco that collapsed because of earthquakes, or the old town of la Havanna, among others. Woods and his colleagues names this approach ‘Radial Reconstruction’.

 

What do you associate with the artworks?

 

I have a special connection to Sarajevo because I was there on a humanitarian mission at the end of the siege, and organised the ‘Bridges to Sarajevo’ campaign with students from Giessen. Woods’ work also reminds me of evenings we spent with him and his wife, of visiting bars and restaurants together in New York in the late 90s, that took on something characteristically American with the corpulent man from the Midwest. Most of all, I can still see him scribbling in his notebooks, seemingly lost in thought, yet aware of his surroundings. Woods stood for a political and participatory architecture anchored in society and history. Woods died that very October night as Hurricane Sandy flooded southern Manhattan, at the time the largest storm ever observed over the Atlantic Ocean. The refrain from a Kinks song comes to mind when I think of this portent of the impending climate catastrophe: “This thing is bigger than the both of us. / It’s gonna put us in our place. / We’re gonna see what really matters, / When you see that storm stare us in the face.” (Ray Davies, “Lost and Found”, 1986)

 

What else is hanging on your wall?

 

Photographs by Horst Schäfer and a painting by Gerhard Fietz from the group ZEN 49 hang in my study, but I would like to focus on a small gem on my pin-board. A little note has been hanging there for years, four by four centimetres, torn roughly out of a notebook, with three words scribbled one under the other: Görz –  Gorizia – Gorica. I cherish the scrap of paper like a relic, in memory of an intellectual who guided me in the early 1970s and still means a lot to me today: André Gorz. Born Gerhart Hirsch in 1923, renamed Horst in anti-Semitic Vienna, changed in France after the war to the phonetically close Gorz and translated into Michel Bosquet, simply Gérard to his friends. Names are not sound and smoke; in this man's case they mark a life story, the compartmentalisation of a person into professional and private existences, the search for ego identity in others. The triple name change from Horst to Gorz followed a town in the multilingual border triangle of Slovenia, Italy and Austria: Görz / Gorizia / Gorica. Gorz had found it on his father’s telescope and used it to illustrate his form of existence to me on a small piece of paper during a visit.

 

What do you associate with this note?

 

Exile. The name changes document a dramatic life story. Emigrating to Switzerland saved the life of the young half Jewish Viennese, and turning to French culture aligned his intellectual compass. In Paris, Michel Bosquet made a remarkable career as a political journalist, ultimately at the Nouvel Observateur, the leading publication of the unorthodox French left. Alongside the journalistic bread and butter work of Michel Bosquet, André Gorz distinguished himself as an unorthodox social philosopher. With no academic background, but with a sharp eye for the situation of the working class, he analysed the constraints of a consumer society and above all the ecological problems of supposedly unlimited economic growth. Gorz connected with critical academics, trade unionists and activists of the new social movements in France, Italy, Germany and Latin America. He was looking for ways to restructure an industrial-social model that consumed its resources and, through automation, put more and more people out of work. Gorz’s work developed away from the circles of the chic Parisian intelligentsia. In 1983, he moved with his Scottish partner Dorine to the 250-person village of Vosnon on the edge of the Champagne region. He cared for his wife, to whom he dedicated a memorial in his ‘Letters to D.’, up until their joint suicide in 2007. The childless couple bequeathed their country house in the ‘Rue de la Mairie’ to the solidarity organisation ‘La Cimade’, a reverence to the difficult living conditions of the two migrants at the beginning of their love affair. The house has since been sold. With the proceeds, ‘La Cimade’, to which Dorine and Gérard generously donated during their lifetime, finances its commitment to refugees, migrants and asylum seekers. There is a plaque at the village playground commemorating them, as they donated a slide, swings and benches to the children of Vosnon. In Paris, a promenade along the Seine is named after him. His topics - political ecology, guaranteed basic income, digital knowledge communism - are more relevant today than ever. The note on my pin-board reminds me that we must not give up even in difficult times.

 

Claus Leggewie is the Ludwig Börne Professor at the University of Gießen and, together with a young team, leads the Panel on Planetary Thinking.

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