WHAT’S ON YOUR WALL?

#4 Annette Eidmann

 

Eine Kooperation mit der Gießener Allgemeinen Zeitung

A cooperation with the Gießener Allgemeinen Zeitung

 

Annette Eidmann – was hängt an Ihrer Wand?

 

Meine Wände reichen leider nicht aus, um alle Bilder und Werke aufzuhängen, die mir besonders gefallen, mit denen ich prägende Lebensabschnitte oder Beziehungen zu den Künstler*innen verbinde. Das Viele versuche ich, in Wand-Abteilungen zu sortieren: im Flur, in der Küche, im Wohn-, im Arbeits- und im Schlafzimmer, oft in „Petersburger Hängung“, also dicht an dicht die Wand bedeckend. Und es gibt noch weitere Bilder und Blätter, die in Mappen oder gerahmt in Ecken lagern, weil ich keinen Platz für sie finde.

 

Das hier gezeigte Bild ist von Wladimir Archipov (*1962 Sankt Petersburg, Russland) und eines von zehn Werken russischer Künstler in meiner Wohnung. Die Malerei entstand 1992 in Sankt Petersburg und trägt den Titel „Sonntagmorgen“. Ich habe es 1994 erworben.

 

 

Was verbinden Sie mit den Kunstwerken?

 

Der „Sonntagmorgen“ war nicht das erste Kunstwerk, das ich erwarb. Mit dem „Sammeln“ von Bildern begann ich bereits in den 80er Jahren. Womöglich beruht dies auf meiner schon früh durch meine Familie geprägte Affinität zu Kunst und Kultur. Auch in meinem Studium der Politikwissenschaften verfolgte ich Fragen nach dem Zusammenhang von Gesellschaft und Kultur, Ästhetik und Politik.

 

1992 brachte mich ein Arbeitsaufenthalt ins damalige Leningrad. Dort lernte ich Wladimir Archipov kennen. Archipov machte mich bekannt mit der Leningrader Künstler*innen-Szene, vornehmlich wie er selbst Absolvent*innen des Muchin-Insitutes.

 

Der „Sonntagmorgen“ repräsentiert für mich den Aufbruch und Neubeginn für die russische Avantgarde in der Bildenden Kunst. Die wunderbaren Sammlungen der klassischen Moderne in der Eremitage und im Russischen Museum in Sankt Petersburg wurden Mitte/Ende der 1980er Jahre der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie eröffneten der jungen russischen Malergeneration ungeahnte neue Horizonte und beeinflusste deren eigene Malerei. „Die neuen Russen“ wurden im Westen populär und in vielen Ausstellungen gefeiert. Diese Welle verflachte in den 2010er Jahren, die Werke dieser Generation des Aufbruches sind in Westeuropa kaum mehr gefragt. Sie sind, von Ausnahmen abgesehen, wieder auf den „russischen Markt“ verwiesen.

 

Persönlich verbinde ich mit Archipovs „Sonntagmorgen“ den Eintritt in eine mir neue, bis dahin völlig unbekannte Welt im europäischen Osten, wo ich wunderbare Menschen, Künstler*innen und Musiker*innen kennenlernen durfte. Heute steht die Malerei für meine Hoffnung, dass die vielen dort tätigen und schlummernden Talente trotz Putin und seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht ins Abseits der Kulturwelt geraten.

 

Annette Eidmann ist stellvertretende Leiterin des Kulturamtes Gießen.

 

 

 

 

Annette Eidmann – what’s hanging on your wall?

 

Unfortunately, my walls are not big enough to hang all the paintings and works that I like the most, that I associate with formative periods of my life or with connections to the artists. I try to sort most of them into sections on the walls: in the hallway, in the kitchen, in the living room, in the study and in the bedroom, usually in a ‘Salon hanging’, i.e. tightly covering the wall. There are also other pictures and works on paper that are stored in folders or framed in corners because I can't find space for them.

 

The painting shown here is by Vladimir Archipov (*1962 Saint Petersburg, Russia) and one of ten works by Russian artists in my home. The painting was created in Saint Petersburg in 1992 and is entitled ‘Sunday Morning’. I acquired it in 1994.

 

 

What do you associate with the artworks?

 

‘Sunday Morning’ wasn't the first artwork I acquired. I began ‘collecting’ as early as the 1980s. This may be based on my affinity for art and culture, something that was shaped by my family at an early age. I also pursued questions about the relationship between society and culture, aesthetics and politics during my political science studies.

 

I got to know Vladimir Archipov in 1992 when I visited Leningrad for work. Archipov introduced me to the Leningrad artist scene, mainly graduates of the Muchin Institute, like himself.

 

For me, ‘Sunday Morning’ represents the awakening and new beginning for the Russian avant-garde in the visual arts. The wonderful collections of classical modern art in the Eremitage and the Russian Museum in Saint Petersburg were opened to the public in the mid/late 1980s. They opened up unimagined new horizons for a young generation of Russian painters and influenced their work. ‘The New Russians’ became popular in the West and were celebrated in many exhibitions. This wave subsided in the 2010s and the work of this pioneering generation is no longer in demand in Western Europe. With a few exceptions, they have once again been relegated to the ‘Russian market’.

 

On a personal level, I associate Archipov's ‘Sunday Morning’ with my introduction to a new, until then completely unfamiliar world in the European East, where I was fortunate enough to meet wonderful people, artists and musicians. Today, the painting represents my hope that the many talents whether active or dormant there will not be marginalised in the cultural world as a result of Putin and his war of aggression against Ukraine.

 

Annette Eidmann is Deputy Director of Giessen's Cultural Office.

 

 

 

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