Fotos: Heiner Schultz

Henriette Grahnert und Nadin Maria Rüfenacht

Backstage Gossip

22.02.–29.03.2015

Surreale Collagen und ironische Abstraktion

 

Die 1977 geborene Künstlerin Henriette Grahnert, die in Leipzig lebt und arbeitet, ist eine der hervorragenden Vertreterinnen einer Malerei, die sich kritisch, ironisierend und zugleich traditionsbewusst mit den Konzepten der klassischen Abstraktion und ihren neueren und aktuellen Fortentwicklungen auseinandersetzt. In tiefsinnig-humorvoller oder witzig-lapidarer Imitation hantiert sie mit den Traditionen von hard edge, colourfield painting, transzendentaler Abstraktion, expressiver Geste, Trash und dem „Inbetween“ von Abstraktion und figurativen Fragmenten.

 

Der mittlerweile etablierte Begriff des „Bad painting“, insbesondere gebraucht für die in den frühen 80er Jahren praktizierte Malerei Kippenbergers, Alberts Oehlens und z. B. der Mühlheimer Freiheit kann mit Grahnerts eigenwilligen Bildern genauso in Zusammenhang gebracht werden, wie die betont provozierende Verweigerungshaltung der Anfang des 2. Jahrtausends so populären Gruppe der New British Artists. Sprachliche Elemente, handgeschriebene Kommentare als „freche“ Schriftzüge, irritierende statements und poetische, oft sehr witzige Bildtitel kommen als Versatzstücke ihrer Bilder ebenso zur Anwendung wie humorvoll eingesetzte ornamentale Muster und Strukturen, die an minimalistische Malerei der 60er Jahre oder „Neo-Geo“-Strömungen der 80er Jahre erinnern. Poetische Abstraktion, konkrete Malerei, Pop-Art und Subkultur, gewissermaßen mehrfach durch den Wolf gedreht, wird das Ganze doch zu einer eigenen, ganz persönlichen malerischen Bildsprache.

 

Vor den kleinen spontan wirkenden, skizzenhaften Collagen, die dabei doch sehr präzise sind, wie den großen, auch in ihren spontanen Gesten doch klaren und durchkomponierten Tableaus wird immer ein großzügiges Raumempfinden spürbar. Dabei wirken die Zitate, Anspielungen und wiederkehrenden Konstruktionsprinzipien nicht gesucht oder aufgesetzt, sondern dienen der kraftvollen bildnerischen Einheit.

 

Die „Arena“ der Malerei-Diskurse zeigt Henriette Grahnert als eine Art Bühnenstück, in dem zum Beispiel mit postminimalistischer Komik die abstrakten Pathosformeln melancholisch-erhabener Erzählung und /oder surrealer Leere auf ihrer Leinwand gleichsam aufgeführt werden, oder einzelnen hohlen Restformen verschiedener Malereisprachen im neuen Kontext ein rockig-lauter, glamouröser Auftritt verschafft wird. Diese individuellen Bilderfindungen sind zugleich auch eine Antwort auf die Frage nach einem abstrakten Bild, was heute noch „geglaubt“ werden kann, hundert Jahre nach Malewitschs spektakulären Auftritt mit seinem schwarzen Quadrat.

 

Die 1980 in der Schweiz geborene Künstlerin Nadin Maria Rüfenacht, die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studierte und seitdem mit ihrer Familie in der ehemaligen Leipziger Baumwoll-Spinnerei lebt, befasst sich seit ihrem Studium bei dem Fotografen Timm Rautert mit dem Medium der Collage. Surreale Begegnungen, das Zusammentreffen von Tieren oder tierhaften Formen, Menschen und Mischwesen, fantastische Landschaftsszenerien und malerische Überarbeitungen „bevölkern“ in großformatigen bühnenhaften Interieurs ihre opulenten, verspielten, vielschichtigen und zugleich hintersinnigen Collagen. Mal in dunkelprächtiger Fülle, mal karg und geheimnisvoll-spröde setzt sie ihre Versatzstücke und Bildfragmente zusammen und spielt sowohl mit Anklängen an die surrealistischen Welten von Max Ernst oder Hannah Höch, als auch mit Referenzen an Art Nouveauoder Märchen-Illustration. Exotische Impressionen wie Zirkus, Ménagerien, Varieté, Tendenzen der Female Pop Art oder Comic und Trivialkultur sind Inspiration für ihre Bildkreationen.

 

Eine aktuelle Werkserie in der Gießener Ausstellung zeigt z. B. ihre Beschäftigung mit einst charismatischen Turnierpferden, denen sie nach deren Ableben in ihren Collagen quasi ein Denkmal setzt. Diese Werke verhandeln, wie Tilo Baumgärtel es in einem Text formuliert, den Verbleib der Tierseelen: So fotografierte Rüfenacht neben anderen zum Beispiel das noch heute legendäre Springpferd „Calvaro“ nach dessen Einschläferung beim Abdecker, um dann „mit den Mitteln der Fotocollage eine zeremonielle Aufbahrung, eine ornamentale und zeremonielle Einbettung der Tierleiber zu unternehmen […] ihnen eine Art feenhafter Erlösung zu erteilen.“ (Baumgärtel) Charisma der Tiere und ihre konkreten Körperformen inspirieren die Bilderfindungen. Die aufgeschlitzten Tierleiber werden im Bild von vielarmigen Frauenwesen wie schützend zusammengehalten und von Blumenschmuck umrankt. Die feierliche Würdigung und Überhöhung dieser Tierkörper erinnert an archaisch-antike Zeremonien oder auch an die religiöse Verehrung heiliger Tiere in außereuropäischen Kulturkreisen, so bei Stierdarstellungen wie „Krakatao“, 2012 oder „Jankel“, 2013 an Tierverehrung, die heute noch in Relikten bäuerlich-ländlichen Brauchtums fortlebt, wo der Grad zwischen authentischem Ur- und Symbolgehalt und dessen folkloristisch-kitschiger Simulation fließend ist.

 

Rüfenacht inszeniert auf ganz eigenwillige, teils verstörende, teils witzige Weise und mit Brüchen, mit Zitaten, geometrisch abstrakten Formen, expressiven Übermalungen oder psychedelisch-bunt wirkenden Farbinseln. („Calvaro 3“, 2014). Man spürt immer den Balanceakt der Gestaltung und Umwertung der Einzelelemente, wenn z.B. helle Farbschlieren oder der fotografisch-schwarze Hintergrund etwas Magisch-Aufgeladenes oder Abgründiges zu vermitteln scheinen.

 

Ute Riese

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